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Carmen
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Die Erkenntnis kommt im Nachhinein

Essays
 

Die Erkenntnis kommt im Nachhinein

 
Schmerzen, höllische Schmerzen, Koliken, Krämpfe. So ging es mir im Oktober letzten Jahres. Dann Not-Operation , Krankenhaus in "normalen Zeiten" schon kein Vergnügen doch in Corona-Zeiten kaum zu ertragen, anschließende langwierige Rekonvaleszenz.
Großes Kino.
Das braucht kein Mensch. Das brauchte ich nicht, das wollte ich nicht.  
Doch war ich – mal wieder – nicht Herrin meines Lebens,  Als tatkräftige, meinungsstarke Frau war ich dazu verdammt, das hinzunehmen, was mir auferlegt wurde. Meine lebenslange Krankengeschichte hat mich gelehrt, geduldig und nachsichtig zu sein. Mit den Umständen, dem System, dem Umfeld, der Krankheit, den Mitmenschen, den Schmerzen und vor allem mit mir. Da muss frau halt durch. Plattitüden helfen, manchmal und manchmal nicht.
Die Reaktion der Ärzte nach meiner Operation hat mich viele Wochen danach allerdings noch einmal sehr weit zurückgeworfen, eingeholt, betrübt.
Das hätte alles auch ganz anders ausgehen können. Ein paar Tage, vielleicht nur Stunden weiter und ich hätte das Ganze nicht überlebt. Punkt. Ich bin kein ängstlicher Mensch, bin aber noch nachdenklicher geworden, besinnlicher, vielleicht auch ein kleines bisschen friedvoller.
Nein, es ist nicht so, dass es einen Augenblick gab, an dem ich mein Leben habe Revue passieren lassen.
Es ist nicht so, dass ich mich gefragt habe, hast du alles richtig gemacht ? Hast du mit jemanden noch eine Rechnung offen ? So war es nicht. Doch die Erkenntnis, dass von einem Tag auf den anderen alles vorbei sein kann, hat mich sehr dankbar und sehr demütig gemacht.  
Die beruhigende Erkenntnis, dass ich das Leben lebe, welches ich leben möchte, ist ein großer Trost und ein großes Geschenk.
Zufrieden durch diese Welt zu gehen, ist eine Kunst. Zufriedenheit kommt nicht von außen, sondern ist in mir. Ja, wieder eine Plattitüde. Es wäre sehr, sehr schade, nicht mehr auf dieser Welt zu sein, nicht mehr die Menschen zu lieben, die ich liebe, nicht mehr die Freunde zu haben, die mir wichtig sind. Mich nicht mehr mit Musik, Kunst, Literatur und Filmen zu umgeben, nicht mehr so fantastisch zu wohnen. Das alles wäre traurig.
Doch die Erkenntnis, dass ich nichts verpasst habe, wenn ich jetzt gehe, hat etwas unglaublich Beruhigendes.  

 
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Carmen Ritter
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