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Das Glück der anderen

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Stewart O´Nan - Das Glück der anderen

Eine Seuche bricht aus und mit ihr das Chaos in einer amerikanischen Kleinstadt. Die Handlung datiere ich Ende des 19. Jahrhunderts. Man lebt sehr ländlich, sehr bescheiden, sehr argwöhnisch, zudem ein brütend heißer Sommer.
Jacob Hansen agiert in seiner Stadt als Pastor, als Bestatter und als Sheriff, in Personalunion. Generell hat er damit kein Problem. Er kann alles voneinander trennen. Bis eben diese Trennungen verwischen. Bis er Entscheidungen treffen muss, die er mit seinem Glauben nicht vereinbaren kann. Die mit der Ethik und dem Respekt vor den Toten nicht einhergehen. Und auch als Sheriff muss er wie ein Richter agieren, was ihm widerstrebt, und er wird notgedrungen, sinnbildlich, auch zum Henker.  
Jacob hat sich wohlgefühlt in seiner Welt, in seiner kleinen Stadt, mit seiner kleinen Familie. Er hat zu kämpfen mit Dämonen der Vergangenheit, Kriegserlebnissen, die ihn in seinen Grundfesten immer wieder erschüttern.
Man hat ihn im Ort  geachtet, respektiert und geschätzt. Bis die Seuche ausbricht. Bis Jacob nicht mehr weiß, was gut und böse ist, was richtig und falsch. Mit dem Arzt hat er einen Verbündeten, der die Last mit ihm trägt. Aber nicht seine Zweifel. Viel zu spät erst stellen sie das Städtchen, gegen den Widerstand fast aller Bewohner, unter Quarantäne. Binnen fünf Tagen stecken sich die Menschen an, nur wenige sind immun und keiner weiß warum. In sehr klarer aber nicht immer einfacher Sprache schreibt O´Nan, was die Seuche aus Menschen macht, wie sich ihre Verzweiflung in Wut wandelt, wie sich Wut in Aggression umsetzt. O´Nan macht jeden vorgestellten Charakter nachvollziehbar, menschlich, verständlich aus dessen Sicht. Über allem schwebt der Zweifel von Jacob. Er lädt alle Schuld auf sich und weiß doch, dass das nicht stimmt. Er fühlt sich für alles verantwortlich und weiß doch, dass dem nicht so ist. Er möchte allen helfen und weiß doch, dass er das nicht kann. An diesem Punkt angekommen, trifft er Entscheidungen, die ihn fast zerbrechen. So balsamiert er etwa seine tote Familie ein, setzt Frau und Tochter in den Sessel, damit er nicht allein ist. So nagelt er das Haus einer Farmerin zu, deren gesamte Familie bereits von der Seuche dahingerafft wurde, die selbst inzwischen auch Symptome zeigt, aber nicht daheim bleiben will.
Immer wieder ringt Jacob mit sich und seinem Glauben. Es tut einem beim Lesen fast weh, weil man immer denkt, "nein, du hast alles richtig gemacht, so gut du es eben konntest in dieser Ausnahmesituation". Die Ereignisse überschlagen sich. Ein Buschfeuer rast auf die Stadt zu und die Menschen wollen nur noch weg, wollen die Quarantäne um keinen Preis mehr einhalten. Die, die noch gesund sind, wollen vor dem Feuer fliehen. Was tun ? Jacob sieht die Verantwortung auch für die Städte um ihn herum. Wenn nur einer das Virus weiterträgt, was passiert dann in den anderen Städten ? Mit Waffengewalt werden die Leute im Ort gehalten. Der Unmut steigert sich je näher das Feuer kommt. Jacob erkennt, dass seine Taktik falsch war.  
Er organisiert ein Treffen aller nicht infizierten Bewohner an einer Bahnstrecke außerhalb der Stadt. Dort kommt jeden Tag ein Güterzug entlang, der soll sie mitnehmen, raus aus der Seuche, raus aus dem Feuer. So ist die Hoffnung. Es bleiben Jacob noch sechs Stunden, bis der Zug die Wegstelle passieren wird. In dieser Zeit will er allen Lebenden Bescheid geben, sie auffordern mitzukommen. Auf seiner Runde durch die Stadt holt ihn das Feuer fast ein, in dramatischer Sprache beschreibt O´Nan, wie die Flammen wüten und wie es sich auf der Haut anfühlt, diese Glut, diese Hitze.  
Jacob sucht seine Schäfchen und findet viele von ihnen völlig verängstigt oder tobend oder tot vor. Er möchte sie trösten, findet aber keine Worte mehr. Er möchte sie besänftigen, doch für diese Wut gibt es keinen Dämpfer. Und er möchte sie bestatten, doch dafür fehlt ihm die Zeit.
Jacob´s Seelenpein ist spürbar, es zerreißt ihn, es macht ihn kaputt. Alles lastet auf seinen Schultern. Als der Doktor auch noch an der Seuche stirbt, möchte Jacob sich selbst niederstrecken und einfach nur sterben. Doch seine Verantwortung für die anderen, für das Glück der anderen, hält ihn davon ab. Man wünscht ihm so sehr, dass sein Tun, seine Aufopferung, sein eigenes Leid ein gutes Ende nimmt. Das Ende aber ist grausam und nur schwer auszuhalten.

Stewart O‘Nan geht an die Grenze des Erträglichen. Er führt seinen Leser tief hinein in die Konfrontation von Gehen oder Bleiben, von Helfen oder Unterlassen, von Wir und Ich.  

Der Erzählstil ist in der zweiten Person gewählt, sehr ungewöhnlich, so als ob eine andere Person auf Jacob schaut.
„Das Glück der anderen“ hat mich sehr bewegt und berührt und wieder einmal hoffe ich inständig, nicht in die Lage zu kommen, mich entscheiden zu müssen zwischen Egoismus und Allgemeinwohl.  


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Carmen Ritter
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