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Carmen
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Blackout Island

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Blackout Island – Sigridur Hagalin Björnsdottir

Das Buch hat mich auf seltsame Weise berührt und mitgenommen.
Niemand ist eine Insel, dachte ich bislang. Falsch gedacht. Island ist eine Insel und hier spielt die Geschichte. Das Buch ist bereits 2018 erschienen. Die Parallelen zur Corona-Pandemie sind aus heutiger Sicht unverkennbar. Waren aber von der zeitlichen Abfolge her wohl beim Schreiben noch nicht zu erahnen.
 
Björnsdottir schreibt in klarer, schnörkelloser Sprache. Sie schildert Details fast emotionslos und schlicht, dadurch wirkt das ganze Geschehen auf mich noch drastischer, real.

Stell dir vor, die Kommunikation zur Außenwelt ist abgeschnitten. Mehr noch, ein ganzes Land ist von der Außenwelt abgeschnitten. Island ist von der Außenwelt abgeschnitten. Alles, was online ins Netz gestellt wird, kann man noch empfangen und lesen, im Inland telefonieren geht auch noch, aber das www ist über die Landesgrenzen hinaus tot. Ausländische Seiten können nicht aufgerufen werden, keine Verbindung zu anderen Servern, telefonisch ist niemand außerhalb Islands zu erreichen. Dieses Szenario spielt die Autorin gnadenlos durch. Sie geht noch weiter. Es kommen auch keine Signale rein. Flugzeuge fliegen Island nicht mehr an, Schiffe landen nicht mehr im sicheren Heimathafen und niemand auf der Insel weiß, wo die Menschen im Flieger oder auf dem Schiff geblieben sind.
Es scheint, als liege Island unter einer Glocke. Bei ausfahrenden Schiffen bricht nach einigen Seemeilen der Kontakt ab, abhebenden Flugzeuge verschwinden einfach vom Radar. Die Regierung spricht von „technischen Defekten“ an allen fünf Überseekabeln, man suche die Fehler und werde eine Lösung finden.

Im Buch begleiten wir den Journalisten Hjalti auf seinem Weg durch diese Zeit. Ungläubig nimmt man in seiner Zeitungsredaktion diese neue Wirklichkeit wahr. Kann das sein, was da gerade passiert? Ist es denkbar, dass so ein zivilisiertes, technisiertes Land wie Island einfach so abgehängt wird? Warum und von wem?
Darauf gibt das Buch keine Antworten. Das schadet der Erzählung nicht, denn darum geht es der Autorin nicht.

Björnsdottir beschreibt, was mit den Menschen geschieht. Mit den Menschen im Umfeld von Hjalti und mit ihm selbst. Der Minister ist auf einem Auslandsbesuch und kann nicht zurück nach Island, deswegen übernimmt seine Stellvertreterin, eine Schulfreundin von Hjalti, seinen Posten und regiert das Land. Als dieser Ausnahmezustand auch nach Woche noch nicht aufgehoben ist, fasst sie alle Ministerien zusammen und übernimmt mit Hilfe der Polizei und den s.g. Rettungsmännern, die Macht. Einem Widerstand der „freien Wähler“ stellt sie sich entgegen und bagatellisiert die Situation. Die Lage sei unter Kontrolle und wer jetzt Neuwahlen fordere will nur das Verderben Islands. Hjalti wird ihr Gehilfe. Er verbreitet durch seine Artikel die Meinung der Regierung. Immer unter dem Deckmantel keine Unruhen zu schüren und keine Anarchie zu provozieren. Lange glaubt er, das richtige zu tun. Dabei wird auch in seiner Redaktion kontrovers diskutiert. Wann hört Pressefreiheit auf? Dürfen Ereignisse bewusst verschwiegen werden, wenn sie angeblich dem Gemeinwohl schaden? Darf die Regierung entscheiden, wie viel Wahrheit ihren Bürgern zugemutet werden kann?
Die Situation spitzt sich zu, als die Lebensmittel knapp werden. Das wirtschaftliche Leben kommt komplett zum Erliegen und auch mit dem Tauschhandel geht es nicht lange gut. Wer braucht schon technische Geräte, wenn er hungert? Wer eine teure Armbanduhr, wenn er nichts zu essen hat? Die Idee der neuen Präsidentin ist, dass man sich auf die uralten, historischen Möglichkeiten Islands besinnt. Ackerbau und Viehzucht, Selbstversorgen, wo immer es möglich ist. Autak zu leben und zu wirtschaften. Da werden Angestellte zur Feldarbeit verpflichtet und Banker in den Stall geschickt. Jetzt sind die Bauern die Helden. Sie sind nun die größten und wichtigsten Arbeitgeber, und nutzen diese Macht zum Teil auch reichlich aus.

Hjalti macht lange seine Augen vor dem wachsenden Ungleichgewicht zu und denkt, dass die Verteilung der Lebensmittel schon funktionieren wird, dass sich alles einspielen wird. Er selbst hat seinen Job bei der Zeitung aufgegeben und ist nun eine Art Pressesprecher der Präsidentin. Somit profitiert er von den Annehmlichkeiten der Regierungsmitarbeiter. Er hat eine warme Wohnung und auch genug zu essen. Island ist klein und hat kaum Chancen alle Menschen, die im Land sind, zu ernähren. Deutlich wird das an der Beschreibung von Hjalti´s Ex-Freundin Maria, sie ist Geigerin beim Staatsorchester. Aber Kultur braucht kein Mensch mehr. Nicht, wenn er nicht weiß, was er den nächsten Tag essen soll. Zudem ist Maria zwar Isländerin aber eindeutig keine arische, sie kommt aus Spanien und diese Wurzeln sieht man ihr auch an, zudem hat sie einen Sohn dunkler Hautfarbe. Für Ausländer gibt es noch weniger Essen und auch keinen Platz mehr auf der Insel. Hjalti ist entsetzt, als er mitbekommt, wie es den normalen Menschen geht. Er ist entsetzt, als er erfährt, was mit den Ausländern, ob dort lebend oder als Touristen im Land, geschieht. Marias Tochter, gerade im Teenager-Alter, läuft nach einem Streit von Zuhause weg und schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an, die ein Einkaufszentrum besetzt halten und dort leben. Hjalti versucht sie da herauszuholen, sie dazu zu bewegen wieder zu ihrer Mutter zu gehen. Doch die Tochter will nicht, hier habe sie wenigstens zu essen. Maria flieht schweren Herzens mit ihrem kleinen Sohn ohne die Tochter in eine Landkommune und wähnt sich hier in Sicherheit. Dem ist nicht so.
Hjalti´s Bruder ist Arzt und verzweifelt jeden Tag mehr an der Situation. Es gibt keine Medikamente mehr, kein Verbandszeug. Operationen können nicht mehr stattfinden, die Menschen sterben an den kleinsten Infekten oder Krankheiten. Zudem studieren seine beiden Kinder im Ausland und seine Frau und er verlieren vor Sorge um sie fast den Verstand. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass über Vieles nicht berichtet wird und er hat große Angst vor der Zukunft. Die Autorin beschreibt auch neue Alltagssituationen, als zum Beispiel die geliebten Reitpferde von Hjalti´s Bruder zum Verzehr geschlachtet werden oder wie er dazu aufgefordert wird, den Rasen hinter seinem Haus zu mähen. Der Rasenschnitt wird dann ein paar Tage später von den Rettungsmännern abgeholt und aufs Land gebracht als Viehfutter. „Jeder müsse seinen Betrag leisten, damit die Nation überleben kann.“

Das Individuum beugt sich der Masse. Die Intellektuellen beugen sich der Regierung, der Schwache beugt sich dem Starken.
Hjalti versucht dem ganzen Desaster zu entkommen und er geht dabei am Ende ein ungewöhnliches Bündnis ein.

„Blackout Island“ hallt in mir nach. Es bleiben die Fragen, was würde ich in solch einer Situation tun? Was bin ich bereit zu geben? Oder zu nehmen? Korruption, Verrat, Missbrauch? Missbrauch von Macht, Missbrauch von Körpern? Wann fallen die Kultur und der Intellekt dem Hunger und dem Überlebenskampf zum Opfer?




 
 
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Carmen Ritter
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